Die Prothese beginnt schon beim Fingernagel
Die Orthopädie-Techniker des Sanitätshauses Brillinger arbeiten mit
Carbonfasern, Silikon und
High-Tech-Gelenken
Quelle: Tübingen (wog) Schwäbisches Tagblatt vom 10. Juli 2003
Längst vorbei die Zeiten, als Prothesen klumpige Gebilde aus Leder, Stahl und Holz waren. Künstliche Hände und Füße aus den Werkstätten des Tübinger Sanitätshauses Brillinger sehen heute fast genau so aus wie die echten. Fitzelig ist dabei die Arbeit der Silikontechniker. 50 Arbeitsstunden für eine Hand - vom Fingernagel bis zur täuschend echten Behaarung - sind da keine Seltenheit.
"Man muss darauf achten, dass es den Patienten nicht zu kalt ist", sagt Jochen
Steil. Denn sonst wird deren Haut grünblau. Verheerend, wenn man die Farbabstimmung macht. Kalt könnte einem aber schon werden in der Silikonwerkstatt bei Brillinger.
Fast schon kühle 16 Grad hat es da, weil sonst das Material zu vulkanisieren beginnt. Und doch tragen Jochen Steil und Rolf Rein zwischen vier und zehn Silikonfarbschichten auf eine Prothese auf, um den richtigen Hautton des Kunden zu treffen. Eigentlich sind sie ja gelernte Zahntechniker. Eine Arbeit, die "viel Fitzeln erfordert", so Steil. Und fitzeln müssen sie auch jetzt.
"Allein für die Fingernägel sind zehn Stunden weg", sagt Steil. Für die notwendige Tiefenwirkung muss Schicht auf Schicht gepackt werden. Bis der Acryllack draufkommt. Und der kann sogar lackiert werden: "Für die Damen ein wichtiger Punkt." Hier ist das Künstlerische gefragt. Bei Prothesen geht es aber vor allem um den Tragekomfort und die Funktionalität. Das Schwierigste an seinem Job sei immer noch, bei einer Bein- und Fußprothese die adäquate Passform hinzukriegen.
Innovation aus den USA
Orthopädie-Technik, das ist bei dem Tübinger Sanitätshaus Brillinger mit seiner hundertjährigen Firmengeschichte heute die tragende Säule im Geschäftsaufkommen neben Reha- und Schuhtechnik, Sanitätsbedarf und Fitness-Utensilien. An die 400 Bein- und fast eben so viele Hand-Prothesen sowie -Orthesen im Jahr werden seit 1998 im Handwerkerpark hergestellt. Seit Klaus Fischer Ende der Siebziger die Geschäftsleitung übernommen hat, gab es einen gewaltigen Innovationsschub. Aus den USA hat Fischer von 1984 an neue Materialien aus der Luft- und Raumfahrt importiert. Silikon ("einer der sensationellsten Werkstoffen"), biomechanisch ausgereifte Gelenke und Hochleistungsfaser-Verbundstoffe, von denen damals die hiesigen Orthopädietechniker bloß träumen konnten. "Handwerklich gut aber konservativ", lautet Fischers Urteil über den Stand seines Gewerbes vor 20 Jahren.
Heute dagegen gibt es Hilfsmittel wie die myoelektrische, mikroprozessorgesteuerte Hand, die über Elektroden von der Restmuskulatur Signale im Bereich von Millionstel Bruchteilen eines Volts empfängt und sich so steuern lässt. Oder das
"C-Leg", ein computergesteuertes Bein "für den aktiven Läufer". Mit 20.000 Euro zwar nicht ganz billig, aber dafür ein fast vollkommener Beinersatz, für den freilich nicht jeder in Frage kommt. Es wäre sicher unvernünftig, einem
90-jährigen, der nur noch in der Wohnung herum läuft, ein computergesteuertes Bein zu verordnen", sagt Fischer. Hilfsmittelberater von den Krankenkassen stufen deshalb den jeweiligen Bedarf ein.
Von den insgesamt 150 Angestellten sind bei Brillinger allein fünf Techniker für die Spezialanfertigung
von Armprothesen zuständig. "Wir bekommen bundesweit Patienten zugewiesen", so Fischer. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Tübinger Kliniken - zwei Mitarbeiter sind immer vor Ort - werden Patienten schon früh individuell beraten, mit Test-Hilfsmitteln zwischenzeitlich versorgt und ergotherapeutisch behandelt. Denn auch wenn die Einzelteile aus aller Welt kommen: Entscheidend ist, was der Techniker daraus macht", findet Fischer.
Wenn klinisch amputiert werden muss, dann in 80 Prozent der Fälle an den unteren Extremitäten, sprich den Beinen. Schuld daran ist in zwei Drittel aller Fälle Diabetes. Eine Zivilisationskrankheit, die auch den so genannten diabetischen Fuß mitverschuldet. Bei Brillinger begegnet man diesem Phänomen seit
viereinhalb Jahren mit einer zehn Mann starken Abteilung für orthopädische Schuhtechnik. Auf der Grundlage elektronischer Druckmessungen werden Schuhe zugerichtet - und vor allem auch nachgebessert. Denn, so Fischer:" Der diabetische Fuß verändert sich." Und ist deshalb eine besondere Herausforderung.
Krücken auf Lager
Was aber passiert mit den Hilfsmitteln, die nur zeitweise gebraucht werden? Rollstühle, Krücken, Krankenbetten? Bei Brillinger ist ein ganzer Lagerraum voll damit. Aufbereitet warten diese darauf, nachgefragt und zum Beispiel nach Hamburg gebracht zu werden. Denn Brillinger hat bundesweit Verträge mit fast allen Krankenkassen. In einem zentralen Datensystem gespeichert, können die Hilfsmittel angefordert werden.. "Kostendämpfung hat natürlich Priorität", sagt Klaus Fischer.
Prothese - Orthese
Prothesen sind orthopädische Hilfsmittel die menschliche Glieder vollständig ersetzen. Orthesen dagegen sind Hilfsmittel, die die Funktion von Muskeln und Bändern
unterstützen, Gelenke führen, stabilisieren und korrigierend wirken.
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